Intern   Kontakt   Impressum
English

Der Dreck aus den Druckern und die Folgen

Reinhild, 55 J., Krankenschwester

"Tränen, Trauer, Tonerstaub!"

Es ist der 22.08.2007. Ich sitze mit meinem Mann im Sprechzimmer von Dr. XYZ. An meinem Kopf donnern die Worte wie Blut-Hirn-Schranke, oxidativer Stress, Nanopartikel, Ungleichgewicht der Nervenzellen, Vitaminpräparate, Laktat, Pyrovat, Unruhe, Gehunsicherheit, Aggressivität, Suizid, Tonerstaub, mitochondriale Zytopathie nur so vorbei. Ich sitze mit großen Augen da und versuche zu sortieren. Manche Worte habe ich noch nie gehört... Das sind all die Erklärungen für das Leid, das mir und meinen beiden Töchtern in den letzten Jahren widerfahren ist.

Rückblick: Es ist der 16.07.2002. Ich sitze wartend mit meinen Töchtern zu Hause auf der Terrasse. Es ist ein lauer Sommerabend, und wir haben von einer Freundin Besuch. Da kommt endlich der langersehnte Anruf: Wir haben Ihren Mann gefunden. Er befindet sich in der Notaufnahme des Krankenhauses XY. Er lebt! Diese zwei Worte lösen bei uns Tränen, Fassungslosigkeit und eine nicht erdenkbare Freude aus. Wir machen uns sofort auf zum Krankenhaus. Mir schlottern die Knie. Mein Mann ist nach sechs Tagen und fünf langen Nähten endlich wieder da. Ich habe einen schwerkranken Mann, der einen siebenwöchigen Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik hinter sich hat, einhergehend mit einem Suizidversuch vor Ort. Vor diesem Aufenthalt erfolgten bereits zwei Suizidversuche. Mein Mann war an einer Depression erkrankt und seit Monaten in psychosomatischer Therapie. Zur Therapie ist es gekommen, da er Monate vorher an Angstzuständen, Höhen- und Versagensängsten und Stimmungsschwankungen litt. Zu jener Zeit arbeitete er in seinem Büro im Finanzamt schon an einem Laserdrucker (seit 1997), den man direkt an seinen Arbeitsplatz gestellt hatte. Ein Laserdrucker "effektiv, schnell und zuverlässig" Oft klagte mein Mann über Darmprobleme und Magenkrämpfe. Das kommt vom Stress, war die Antwort. Kopfschmerzen, chronische Müdigkeit und verstärkte Aggressivität rundeten das Bild ab. Am Wochenende ruhte er sich gut aus, am Montag und Dienstag ging er zur Arbeit, und ab Mittwoch kamen die Beschwerden mal mehr, mal weniger stark zurück. Besonders erholsam waren unsere Urlaube. Ja, wir sind regelmäßig an die Nordsee nach Dänemark gefahren. Unsere eine Tochter war an Pseudokrupp erkrankt, und man hatte uns zur Erholung das gute Klima angeraten. In Dänemark ging es meinem Mann und auch mir besonders gut. Ich hatte einen ausgeglichenen Ehemann, die Mädels einen fast beschwerdefreien, lustigen Vater, und alles war gut. Kam er dann in den Alltag zurück, wiederholte sich das Ganze von vorn. Am Montag und Dienstag zur Arbeit, ab Mittwoch: "Ich fühl mich nicht wohl, ich kann nicht mehr." Vieles in der Familie und zu Hause blieb an mir hängen, und ich legte all meine Kraft in die Familie und Beziehung. Nebenbei hatte ich aber auch einen Teilzeitjob als Krankenschwester in einer Arztpraxis. Der Job kostete schon viel Energie und Kraft, und dann lief zu Hause alles in verkehrten Bahnen. Medizinisch hatte ich überhaupt keine Ahnung, was meinen Mann so krank gemacht hatte. Eine Psychotherapie in XY brachte nicht den Erfolg, den wir uns wünschten. Unsere Ehe wurde auf eine harte Probe gestellt, und ich war oft am Ende meiner Kräfte. Streit um Kleinigkeiten bestimmte unseren Alltag. Da aber mein Mann nicht in der Lage war, selber zur Therapie zu fahren, begleitete ich ihn in all den Wochen selbstverständlich dorthin. Auch gemeinsame Gespräche mit der Therapeutin führten zu nichts. Die Spirale wurde immer weiter gedreht. Da denkt doch keiner an Laserdrucker, Tonerkartuschen, Nanopartikel und Arbeitsplatz. Es stellte sich vielmehr die Frage, ob sie auch die richtige Therapeutin für meinen Mann ist.

Das Unglück kam immer näher. Ostern 2002 nahm mein Mann das erste Mal mehr Beruhigungsmittel als sonst und ist nicht zur Arbeit gefahren. Er war das erste Mal nicht aufzufinden. Ein Telefonat meiner Tochter, die sich von ihm vor einer Klassenfahrt noch verabschieden wollte, brachte uns in Aufruhr, da er nicht am Arbeitsplatz erschienen war. Meine Tochter trat trotzdem die Klassenfahrt an, mit der Beruhigung, dass Papa vielleicht beim Arzt ist und nicht Bescheid gesagt hat. Sie war mit einem Handy ausgestattet, und ich versprach ihr, sie sofort anzurufen, sobald ich etwas wüsste. In mir verspürte ich eine riesengroße Angst. Die Suche gestaltete sich schwierig, da er mit dem Fahrrad unterwegs war. Nach 5 Stunden des Wartens meldete ich ihn das erste Mal bei der Polizei als vermisst. Mir ging es extrem schlecht, und ich stand ganz allein auf der Polizeiwache. Ich durchlebte die Hölle und dachte, so etwas passiert nur anderen, aber nicht mir. Aber nein, ich war es, die Angaben machte und ein Foto von ihm dem Polizeibeamten übergab. Dieser war sehr hilfsbereit und nett. In der Situation, in der ich mich befand, war ich fachmännisch und professionell beraten. Zu Hause angekommen, fand ich meinen vermissten Mann vor. Gott sei Dank. Aber er war total zugedröhnt mit Medikamenten und lallte vor sich hin. Ich war froh, aber auch wütend, sehr wütend. Was machte er mit mir? Wieder ein Anruf bei der Polizei, mein Mann ist da, aber er wird in die Psychiatrie (auf Anraten des hinzugezogenen Hausarztes) eingewiesen. Erleichterung auf beiden Seiten. Dieser Zustand war nicht einzuschätzen, und obwohl mein Mann verneinte, sich das Leben nehmen zu wollen, war die Gefahr zu groß, ihn ohne Aufsicht zu lassen. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass ich das alles in verstärkter Form noch einmal erleben sollte...

Mein Mann kam mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus. Wie erklär ich das alles meinen beiden Töchtern? Sie hatten nun schon so viel Negatives erlebt. Wie kommen sie damit zurecht, dass ihr Papa sich das Leben nehmen wollte? Die eine Tochter war beruhigt auf der Klassenfahrt, ich hatte mir eine gute Ausrede zurechtgelegt, und ich war die Verantwortung los, ihn zu Hause zu haben. Ich weiß heute nicht mehr, wie wir das ausgehalten und geschafft haben. Im Krankenhaus wurde er entgiftet, und trotz eindringlicher Gespräche mit den Ärzten ist mein Mann nach einer Woche auf eigenen Wunsch nach Hause gekommen. Diagnose: manisch depressiv bei bekannter Psychose, aber eine Suizidgefahr bestände zurzeit nicht. Das habe ich natürlich geglaubt und alles getan, damit alles wieder gut wird. Mir fallen spontan die Worte von Teresa Enke zum Tode ihres Mannes ein: Mit Liebe schafft man das. Welche Ironie! Ich kann diese junge Frau so gut verstehen und denke gerade jetzt viel an sie.
Mein Mann erholte sich ein wenig und konnte mit einer Wiedereingliederung am Arbeitsplatz in seinen Beruf zurückkehren. Ich lebte zwar in ständiger Angst und hoffte, dass alles gut wird. Aber schon nach kurzer Zeit war der Alptraum zurück. Und noch immer keine Idee, woher dieser Zustand kam. Die Psychotherapie verlief genau wie vorher, jetzt nur wöchentlich. Eine Stunde Fahrt nach XY, mein Mann in Therapie, nach eineinhalb Stunden wieder zurück, Woche für Woche. Warum tritt keine Besserung ein? Mein Vertrauen in die Therapeutin war in Frage gestellt, aber ich kam an meinen Mann nicht heran. Er wurde auf Grund seiner Beschwerden wieder krankgeschrieben. Unsere Freunde hatten schon lange nicht mehr gefragt "Wie geht es euch?". Man sah ja nichts. Ein Beinbruch oder ein ähnlich sichtbares Symptom ist besser einzuschätzen als ein psychisch erkrankter Mann im besten Alter. Unsere sozialen Kontakte wurden weniger und ich immer trauriger, und doch war ich entschlossen, wir schaffen das.
Nach all den Wochen stand fest, dass mein Mann zur Rehabilitation in eine psychosomatische Klinik kommt und dann für vier bis sechs Wochen stationär aufgenommen wird. Hier würde er dann richtig therapiert, und dann würde alles gut werden. Ein befreundeter Psychotherapeut aus XY hatte nun die Versorgung übernommen und im Einverständnis von uns alles organisiert. Innerhalb von fünf Tagen war mein Mann in der Klinik, und ich war endlich die Verantwortung los und auch die ständige Angst um ihn.

Auch zu diesem Zeitpunkt war an eine Erkrankung, die von seinem Arbeitsplatz ausging, nicht zu denken. Mein Leben fand zwischen Hoffen und Bangen statt. Wir telefonierten täglich, und einmal am Wochenende fuhren wir nach XY in die Klinik. Zwischenzeitlich stand unsere eine Tochter im Abitur, das sie mit aller Energie durchzog, und die andere Tochter war auch kurz vor ihrem Realschulabschluss in der Schule. Meine Mädels waren trotz der Sorge um ihren Papa recht gut drauf und packten ihren Alltag. Beide hatten eine Zukunft vor sich. Die eine wollte eine Ausbildung zur Raumausstatterin machen, und die andere sollte ab August nach XY ziehen, um eine Ausbildung zur Erzieherin zu absolvieren. Sie wäre dann die erste, die von zu Hause auszieht. Aber beide freuten sich auf ihren neuen Lebensabschnitt. Doch noch immer sollten wir nicht zur Ruhe kommen. Hätten wir zu diesem Zeitpunkt schon etwas von Dr. XY, der ITG und dergleichen gewusst, wäre uns viel Leid erspart geblieben. In der Klinik bekam mein Mann Einzelgespräche, verschiedene andere Therapien, und er wurde medikamentös eingestellt. Bei unseren Besuchen bemerkte ich die Unruhe in ihm, und seine Traurigkeit war wieder sehr präsent. Es trat keine wesentliche Besserung ein, und dementsprechend war sein Allgemeinzustand. Warum wird es denn nicht besser? Womit haben wir das verdient? Ich hatte keine Antwort. Dieser Zustand führte dazu, dass er einen weiteren Suizidversuch unternahm und sich mit einer Glasscherbe die Pulsadern aufritzte. Aber irgendein Urtrieb hatte ihn in die Klinik zurückgeführt, und er wurde ärztlich versorgt. Doch seitens der Klinik hielt man es nicht für nötig, mich zu informieren. Die Zusammenarbeit mit der Leitung ließ wirklich zu wünschen übrig, aber ich hatte auch keine Kraft mehr, irgendetwas zu bewegen. Ich erfuhr per Zufall von dem Suizidversuch und war geschockt. Beim nächsten Besuch hatte mein Mann einen Verband am Handgelenk. Riesiges Entsetzen bei den Kindern. Papa, warum machst du so etwas? Es gab keine Antwort... Auf Nachfragen bei der Klinikleitung bekam ich zu hören, dass er für sechs Wochen auf alle Fälle in der stationären Behandlung bleibt.

Hört das denn nie auf? Was wird aus ihm? Was wird aus uns? Alle meine Träume vom ruhigen Familienleben und unserer Ehe wurden erneut zunichte gemacht.

Wir drei zu Hause lebten unser Leben. Wir wussten ihn ja gut aufgehoben. Ich verbrachte trotz dieser Situation einen 14-tägigen Aufenthalt in XY. Ich war als Betreuerin mit einer Jugendgruppe unserer Kirchengemeinde unterwegs, und mit dabei waren unsere beiden Töchter, die diese Reise sowieso schon lange gebucht hatten. Ich bin als Vertretung für eine Kochfrau eingesprungen und verbrachte eine herrliche Zeit in einem Land fernab von der Zivilisation, Therapien und einem kranken Mann. Getragen durch das Team fühlte ich mich leicht und wollte nur bloß nicht zurück in mein altes Leben. Eine riesengroße Welle von Sorgen und Trauer sollte noch über uns hinweg rollen. Gerade zurück aus einer anderen Welt, erreichte uns die Nachricht meines Mannes, dass er nach Hause entlassen werde und wir ihn abholen könnten. Die Therapie würde zu nichts führen, und er wolle zu uns nach Hause. Wieder wurde ich aktiv. Telefonate mit der behandelnden Ärztin führten zu keinem Erfolg, sie war aus irgendwelchen Gründen nicht bereit, mit mir zu kooperieren. Ich war fassungslos, und so kam mein Mann am folgenden Tag zu uns zurück. Wir waren zurück im alten Trott. Willkommen im Unglück!

Das Nachhausekommen gestaltete sich für uns alle recht schwierig, einerseits die Freude der Kinder, dass der Papa wieder da ist, und andererseits ein depressiver Mann, der nun wirklich nicht als gesund entlassen worden war. Wie sollten wir aus diesem Alptraum herauskommen?

Fünf Tage später machte sich mein Mann auf, um mit dem Fahrrad nach XY zu fahren. Er wollte einen Behördengang erledigen. Ich freute mich über seine Aktivität, und es war ermutigend, ihn ein wenig aktiv zu erleben. Doch es sollten die schlimmsten Tage und Nächte unseres Lebens folgen. Ich befand mich in Vorbereitungen für die Goldene Hochzeit meiner Eltern. Ich plante und organisierte und freute mich, dass auch er so weit als möglich am Fest teilnehmen wollte. Dank seiner Psychopharmaka ging es ihm stimmungsmäßig recht gut, und er plante auch wieder, an seinen Arbeitsplatz zurückzukehren. Ich aber, mit Verlaub, glaubte es kaum. Ich konnte nun auch langsam nicht mehr einschätzen, was in seinem Kopf vorging, und in mir machte sich eine große Traurigkeit breit. Kurzum, am Mittag gegen 12.00 Uhr war er immer noch nicht zurück. Ich spürte sofort, da war etwas nicht in Ordnung. Sein Handy lag zu Hause, und ich konnte ihn nicht erreichen. Angst stieg in mir hoch, und kurzentschlossen lief ich zu unserer Nachbarin, die als Polizistin arbeitet. Ab hier übernahm sie die Regie, sie arbeitet bei der hiesigen Polizeistation, und mein Mann wurde als vermisst gemeldet. Sein Foto war noch vorhanden, und alles Weitere wurde sofort auf Grund seiner Vorgeschichte eingeleitet. Meine Kinder, Familie und Freunde waren fassungslos. Was machte er jetzt mit uns? Private Suchtrupps machten sich auf und durchkämmten die Waldgebiete. Ich war ständig unterwegs und begab mich an unsere Lieblingsplätze, wir telefonierten mit Dänemark, ob er da auftauchte. Aber von meinem Mann gab es keine Spur. Man liest ja oft davon, dass Menschen einfach verschwinden und nicht wiederkommen. Aber einem selbst passiert doch so etwas nicht! Wir schalteten Anzeigen in den hiesigen Zeitungen und hängten Plakate aus. Aber es gab kein Lebenszeichen. Die Goldene Hochzeit meiner Eltern verlebten wir wie in Trance. Absagen war nicht möglich, da die Feier ein großes Fest werden sollte. Nachgefragt wurde nicht, da viele ihn noch in der Klinik vermuteten. Und wir wussten ja auch nicht, was mit ihm passiert war. Von seitens der Kriminalbeamten erfuhren wir fachmännisch und psychologisch die beste Betreuung. Polizeistreifen suchten mit Nachdruck, und jedem Hinweis aus der Bevölkerung wurde nachgegangen. Aber es vergingen sechs lange Tage und fünf lange Nächte. Ich habe kaum geschlafen und musste mich am vierten Tag mit der Wahrscheinlichkeit vertraut machen, dass er tot ist. Unfassbar! Dieser Gedanke war entsetzlich für uns drei.

Beim Aufschreiben dieser Erinnerungen kommt es mir vor, als wäre es erst gestern passiert. Liebe, enge Freunde besuchten uns täglich und begleiteten uns in dieser schweren Zeit. Man lernt in Notzeiten echte Freunde kennen und schätzen. Viele Gebete mit einem bekannten Pastor gaben uns Stärke und das Gefühl, wir sind nicht allein. Oder wir wurden erhört? Oder viele Schutzengel haben stark gearbeitet...

Am 16.07.2002 kam ein Anruf aus der Notaufnahme, und ich fand einen total verwahrlosten, ausgemergelten Mann vor, der uns mit großen Augen voller Tränen anlächelte. Die Version meines Mannes erfuhren wir dann in aller Länge. Er hatte viele Tabletten eingenommen, war in den Wald gefahren und hatte die ganze Zeit unter einer Tanne gelegen. Die Medikamente verursachten Halluzinationen und Angstzustände, und er habe viel geschlafen. Er war nicht in der Lage aufzustehen und habe vor sich hingedämmert. Gott sei Dank waren die Außentemperaturen so, dass er nicht gefroren hatte! Irgendein Urtrieb habe ihn dazu gebracht, zur nächsten Straße zu kommen, und ein Auto habe angehalten. Das war Gott sei Dank eine liebe Nachbarin von uns, die rein zufällig diesen Nebenweg wählte und ihn dort vorfand. Sie brachte ihn dann in die Notaufnahme. Noch heute verbindet uns eine freundschaftliche Nähe zu dieser Frau.

Mein Mann kam wieder in die Psychiatrie nach XY. Sein Arm hatte eine Parese, und er selber war in einem desolaten Zustand. Wir waren nur froh, ihn wieder zu haben und überließen alles den Ärzten. Ich befand mich in einem Schockzustand, meine Töchter funktionierten nur noch. Aber egal, Hauptsache, der Papa war wieder greifbar. Unsere Begegnungen waren vorsichtig, ängstlich, und wir kamen uns wie Fremde vor. Mein Mann blieb für acht Wochen auf Station, und dank der guten Betreuung und Ergotherapie stabilisierte sich sein Zustand. Er kam zur alten Energie zurück, und seine Tabletten wurden umgestellt. Während des Entlassungsprozesses begab er sich in die psychiatrische Tagesklinik vor Ort und wurde tageweise in die Familie entlassen. Wir waren für einen neuen Anfang bereit, und unser Familienleben fand allmählich wieder ein wenig statt. Aber es war anders als vorher. Wir hatten zwar eine gute Betreuung in der Tagesklinik gefunden, und endlich fühlte ich mich nicht mehr allein gelassen. Aber uns stand ein langer Weg bevor. Doch haben wir uns darauf eingelassen. Nach der Umstellung der Tabletten ging es meinem Mann auch besser, und sein körperlicher Zustand verbesserte sich von Woche zu Woche. Seitens des Arbeitgebers wurde es ihm ermöglicht, erneut mit einer Wiedereingliederung in den Alltag zu gehen, und eine Normalität machte sich breit. Die Arbeit machte ihm auch wieder Spaß, und alles sah wirklich positiv aus.

Ich selber leide seit 1985 an einer Psoriasis pustulosa (Schuppenflechte) in den Händen, und bei all dem Stress blühte die natürlich in vollen Zügen. Dank meiner Homöopathin wurde ich gut betreut, und in extremen Situationen wusste ich sofort, welche Globuli mir helfen, außer im Urlaub, da waren meine Hände ruhig, und ich hatte weder Schmerzen noch Juckreiz.
Die nächsten Monate und Jahre verliefen familiär bei uns recht gut, und wir fanden als Familie und Ehepaar wieder zueinander. Es erforderte viel Liebe und Geduld, aber wir wurden wieder glücklich. Mein Mann hatte Spaß an der Arbeit. Er schaffte seinen Alltag, kam gut zurecht und wurde nur noch alle 4 Wochen von einem Therapeuten betreut. Aber es fand keine Therapie mehr statt, sondern nur noch ein Coaching, das ihm auch gut tat. Nach einem Jahr wurden die Medikamente abgesetzt, und nichts deutete auf eine erneute schwere Erkrankung hin. Anzeichen einer Depression gab es nicht mehr. Nur die chronische Müdigkeit, eine gelegentliche Lustlosigkeit und Ängste in unsicheren Situationen waren geblieben. Aber wir lernten das einzuschätzen und meisterten alles. Wir feierten unsere silberne Hochzeit, und die Worte "in guten wie in schlechten Tagen" trafen ja voll auf uns zu.

Dann verschlechterte sich der Zustand meines Mannes wieder, und mehrere Infekte lösten sich ab. Eine Operation an der Nase wurde durchgeführt. Danach erfolgte eine Implantatoperation bei unserem Zahnarzt. Beide Implantate lockerten sich nach sechs Wochen, und mein Mann präsentierte am folgenden Tag seinem Zahnarzt beide Implantate. Dieser war sehr verwundert und fragte, ob mein Mann im Metallgewerbe arbeitet. Es bestände wohl eine Unverträglichkeit, anders gibt es keine Erklärung für die Reaktion. Nein, mein Mann sitzt in einem Büro und hat mit Metall nun wirklich gar nichts zu tun. Eine Frage ergab die nächste, und plötzlich tauchte zum ersten Mal die Frage auf: "Arbeiten Sie an einem Laserdrucker?" Bis dahin haben wir nicht geahnt, welcher Stein ins Rollen kommen würde. Ja, im Jahr 2005 hat mein Mann einen neuen Laserdrucker an seinen Arbeitsplatz gestellt bekommen. Einen Brother. Effektiv, schnell und zuverlässig...

Nach langen Recherchen und Dank eines Hinweises unseres Freundes XY ist mein Mann in Kontakt mit AS getreten. Unser Freund ist ein ehemaliger Kollege von AS bei der Kripo und wusste von seiner Problematik bei der Behörde mit Laserdruckern und dass er auf Grund der Erkrankung arbeitsunfähig geworden war. Die ersten Telefonate mit AS öffneten unsere Sinne für Toner, Drucker und die ITG Interessengemeinschaft Tonergeschädigter (heute: Stiftung nano-Control). Während wir noch immer bei Dr. XY sitzen, gehen mir diese Erinnerungen durch den Kopf. Ich kann es nicht fassen. Wir überreichen mitgebrachte Untersuchungsergebnisse der Multielementanalyse, Urinbefunde und dem ITT-Test aus München. Die Staubprobenuntersuchung aus dem Büro meines Mannes nicht zu vergessen. Dort wurde hochgradig Dibutylzinn und Tributylzinn nachgewiesen.
Wir haben all diese Untersuchungen in Eigenregie gemacht, nicht zuletzt dank der behandelnden Ärzte. Seitens des Arbeitgebers meines Mannes kam nur ein ungläubiges Kopfschütteln bei den Erklärungsversuchen hinsichtlich des Tonerstaubs. Und die unausgesprochenen Worte "psychisch erkrankt" hingen in der Luft. Er wurde natürlich nicht ernst genommen, und auch ich hatte anfangs starke Zweifel. Die Krankmeldungen häuften sich und gingen nahtlos ineinander über. Ein Antrag wurde gestellt, dass ein Tintenstrahldrucker als Austausch installiert wird, und die Arbeitsmedizinerin stellte nach langen Forderungen die Bescheinigung aus. Aber der Versuch zu arbeiten scheiterte immer wieder, und die Besuche beim Hausarzt und beim HNO-Arzt wurden regelmäßiger. Bei uns bestimmte nun der Tonerstaub den Tag, und das war für Außenstehende nun gar nicht nachvollziehbar. Aber bei mitbetroffenen Tonerstaub-Erkrankten erfuhr mein Mann große Unterstützung, und so sind wir zur Diagnostik bei Dr. XY gelandet. Am folgenden Tag klärte dieser uns mit seiner Diagnosestellung auf: Mitochondriale Zytopathie, Bewegungseinschränkung, Wahrnehmungsstörungen und Gedächtnisschwierigkeiten, ausgelöst durch Schwermetallbelastungen aus Tonerstaub. Dieser setzt sich nämlich in den Nervenzellen des Gehirns ab. Über die Atmung gelangt der Staub in die Lunge und wandert dann in die Nervenzellen. Diese Aussage mussten wir erst einmal auf uns wirken lassen. Seine psychischen Probleme 2002 sind somit schon damals dadurch ausgelöst worden, denn seit Jahren arbeitet er schon direkt am Laserdrucker. Und im Jahr 2005 wurde ein weiterer Drucker der Marke Brother erneuert. Davor wurde ein Laserdrucker der Marke HP eingesetzt.

Ich wurde gleich mit behandelt. Mein Handekzem ist in dem Falle keine Psoriasis, sondern eine Kontaktreaktion! An meinen Händen setzt sich der Staub ab, den mein Mann an seiner Kleidung mit nach Hause bringt. Was erstaunlich ist: Im Laufe der Krankschreibung meines Mannes verbesserte sich mein Zustand, und heute bin ich beschwerdefrei. Dies bestätigte auch Dr. XYZ, den wir ein halbes Jahr später aufsuchten. Dort wurde zur Diagnoseerweiterung und Beweislage gegenüber dem Arbeitgeber ein nasaler Provokationstest auf Tonerstaub durchgeführt, ebenso ein Epikutantest, der ein voller Erfolg war. Aber diese Woche war gesundheitlich der Horror für meinen Mann, es ging ihm extrem schlecht. Aber auch die Betreuung dort war fantastisch, und Dr. XYZ und sein Team haben gute Arbeit geleistet. Mein Mann ist nun seit fast zwei Jahren zwangspensioniert, da es seitens der Behörde nicht möglich war, ihm einen geeigneten Arbeitsplatz zur Verfügung zu stellen. Bei dem Arbeitgeber meines Mannes stehen heute fast an jedem Arbeitsplatz Laserdrucker - effektiv, schnell und zuverlässig. Der eingeschaltete Amtsarzt hat ihn, ohne amtsärztliche Untersuchungen durchzuführen, für dienstunfähig geschrieben, nach Akteneinsicht wohlgemerkt.
Nun ist mein Mann ein frühpensionierter Finanzbeamter, der eine Klage auf Berufserkrankung und Dienstunfall führt. Nun geht es ihm gesundheitlich gut, so lange er den Kontakt zu Laserdruckern meidet. Dazu haben ihm beide Ärzte Dr. XY und Dr. XYZ geraten, um Spätfolgen auf alle Fälle zu verhindern. Er ist in keiner psychischen Behandlung mehr, nimmt keine Tabletten mehr, sondern genießt sein Leben und seine "Gesundheit". Aber wir werden weiterkämpfen und werden nicht eher ruhen, bis das Problem Laserdrucker, Toner usw. endlich aufgedeckt wird und alle Menschen erfahren, wie gefährlich Tonerstaub und seine Bestandteile sind. Ich habe viel dazugelernt und wäre froh gewesen, wenn ich das alles schon im Jahr 2002 gewusst hätte. Unserer Familie wären viel Leid und Tränen erspart geblieben...



> zurück zur Übersicht